Reflexionen zum Weinjahr 2017

07. Dezember 2017 English



Wieder geht ein Weinjahr zu Ende und wieder gilt es, ein Selfie von der enormen Dynamik dieser faszinierenden Branche zu machen. Die Digitalisierung, die steigenden Qualitätsanforderungen und die sich rasant ändernden Verbrauchergewohnheiten bei gleichzeitigem Verlust der traditionellen Autoritäten und Denkmuster fordern auch die Weinbranche immer mehr heraus.

  • Rückblick auf den Wein-Jahrgang 2016

    Nach dem "Welt-Weinjahrgang 2015" schloss sich mit 2016 ein weiterer ganz großer Jahrgang in vielen Weinregionen an. Im Charakter völlig gegensätzlich zu dem warmen, von voller, reifer Frucht geprägten Jahrgang 2015 fasziniert der kühle, aber sonnenreiche Jahrgang 2016 durch perfekte Eleganz und glasklarer Terroir-Transparenz. In Bordeaux und auch im Burgund wird 2016 - wie 2015 - zu den ganz großen "Jahrhundert-Jahrgängen" gezählt werden. Und auch in Italien wird es herausragende Weine geben. Legendenpotenzial unvermeidlich.

  • Der Wein-Jahrgang 2017

    Zumindest in Südeuropa war die selten zuvor gesehene Trockenheit und Hitze über Monate das beherrschende Thema. Die Ernteerträge lagen auf einem Niveau, das seit 1945 nicht niedriger war. Bei den betroffenen Großproduzenten Italien, Spanien und in Teilen Frankreichs lag die Weinmenge in 2017 bei nur noch rund zwei Dritteln der durchschnittlichen Menge. Ein ebenfalls die Ernte dezimierender Frost im Bordelais verschlimmerte die Lage weiter. Trockenheit und Hitze bis in den Spätherbst führten zu verheerenden Waldbränden in den USA und Europa. Nach den schrecklichen Auswirkungen für Menschen und Natur entflammte buchstäblich auch die Diskussion um den Klimawandel erneut. Den Großfeuern fielen auch große Rebflächen und ganze Weingüter zum Opfer. Die Trauben, die diese Wetterextreme überstanden sind aber fast durchweg von guter bis sehr guter Qualität.

  • Die Preisentwicklung bei den Weinen

    Große Jahrgänge - große Preise! So einfach lautete die Formel auch in 2017 wieder. Und noch schlimmer: der Ertrag war niedriger. Besonders krass waren die Auswirkungen im Burgund mit dem desaströsen Aprilfrost in 2016. Noch sind die 2016er nicht abgefüllt, aber schon machen drastische Allokationskürzungen die Runde. Es kann also nur noch teurer werden. Auch der Auktionsmarkt stabilisiert sich immer mehr. Nicht wenige Weingüter nutzen die hoch bewerteten Top-Qualitäten, und bieten ihre Premiumweine ausschließlich in Kombination mit anderen Produkten an.

  • Die Preisentwicklung bei den Weingütern

    2017 war aber auch das Jahr spektakulärer Übernahmen von Weingütern. Die Preise für die besten Rebflächen explodierten fast im Gleichschritt mit der Cyber-Währung Bitcoin. Vorläufiger Höhepunkt war die Übernahme von Clos de Tart im Burgund. Für 7,5 ha Grand Cru Fläche wurden angeblich 250 Mio. EUR bezahlt. Ähnlich teuer war die Übernahme von Château Troplong-Mondot in Saint-Émilion, allerdings mit größerer Rebfläche. Damit sind Preise für Top-Weingüter von über 200 Mio. EUR schon fast zur Normalität geworden. Leisten können sich das nur große Gesellschaften oder deren Besitzer. In Zeiten von Null-Zinsen erscheinen die Erträge der Weingüter durchaus als attraktiv. Und bei der Flucht in die Sachwerte sind solche Assets ganz oben auf der Liste.

  • Der Wein wird digital

    Die Digitalisierung erfasst nun langsam auch die Weinbranche, horizontal und vertikal. Online-Shops müssen bald um ihre Existenz fürchten, kaum nachdem sie selbst den stationären Weinhandel disruptiert haben. Neue Plattformen auf App-Basis schieben sich zwischen die Verbraucher und die Shops. Auch hier gelten die Mechanismen der großen User-Zahlen. Die Plattformen nutzen dabei die Lagerbestände der vielen Händler, die sich mit der Kapitalbindung große Risiken auferlegen. Doch die Plattform vermittelt nur noch. Margenvorteile zu erzielen wird immer schwieriger. Gleichzeitig drücken große Retailer in den Onlinehandel mit Weinen, Amazon ist sowieso in allen Segmenten tätig. Auslöser sind breit angelegte Retailstudien, die den Weinhandel immer noch relativ attraktiv erscheinen lassen. Bei vielen anderen Lebensmitteln sind die Preise noch viel niedriger.

    Die Digitalisierung erfasst aber auch die Weinproduktion. Drohnen in den Weinbergen erleichtern die optimale Bewirtschaftung und Erntebestimmung. GPS-gesteuerte Fahrzeuge erhöhen die Präzision, elektronische Sortiermaschinen sind genauer und viel schneller am Sortiertisch als Menschen. Wann wird es eine Mess-Sonde geben, die die Punkte der Weinkritiker in Sekunden und ohne Abweichungen der Meinung vergibt?

  • Die traditionelle Weinkritik verliert an Bedeutung

    Auch das Geschäftsmodell der Weinkritik verliert an Bedeutung. Eine immer größere Anzahl von Wein-Bloggern erreicht mittlerweile beachtliche Leserzahlen und das Know How der Masse in den gesammelten Kommentaren ist immer wieder erstaunlich. Erstmals haben wir bei der Primeurs in Bordeaux Verkoster gesehen, die ein eigenes kleines, aber professionelles Kamerateam dabei hatte. Und die Châteaus haben nicht mehr gezögert, bei der Inszenierung des Einschenkens behilflich zu sein. Storytelling mittels Video anstelle von Punkteorgien, das ist sicher der bessere Weg, um junge Erwachsene an die Welt der großen Weine heranzuführen.

In 2017 feierte der Verlag Gambero Rosso die 30. Ausgabe seines Weinführers Vini d'Italia. Diese jährlich erscheinende "Bibel" des italienischen Weins hat Geschichte geschrieben und seinen Teil zum Aufstieg der italienischen Weine in die Spitze der besten Weine der Welt beigetragen. Ob wir den Vini d'Italia zur 50. Ausgabe noch lesen können? Auf Papier?