Verkostung eines Terroirs: Clos de Tart

02. Dezember 2017




Das Wein-Anbaugebiet des Burgunds ist das komplexeste und auch komplizierteste der Welt. Dies gilt insbesondere für die berühmte Côte de Nuits nördlich von Beaune. Hier wachsen die berühmtesten Rotweine der Welt entlang eines Streifens von nur 22 km, der zudem oftmals nur einen Kilometer breit ist. Berühmt sind schon die Ortschaften, deren Name allein die Herzen aller Weinfreunde höherschlagen lässt. Ein vierstufiges Klassifikations- bzw. Appellationssystem mit den Grands Crus an der Spitze versuchen in Verbindung mit den Ortsnamen Orientierung zu geben. Diese teilweise sowieso schon sehr kleinen Weinbergslagen teilen sich dann oftmals zahlreiche Produzenten, eine Folge der jahrhundertelangen Erbteilungen und Zusammenlegungen durch Eheschließungen.

Clos de Tart 2016
Jacques Devauges vereint für die Fassprobe die vier wichtigsten Plots des Clos de Tart.

Der Clos de Tart ist eine der legendären Grand Cru Lagen etwa in der Mitte der Côte de Nuits in der Ortschaft Morey-Saint-Denis. Das Wort Clos weist darauf hin, dass die Lage / Appellation vollständig von einer Steinmauer umgeben ist. Eine weitere Besonderheit stellen die Besitzverhältnisse dar: Clos de Tart gehört ausschließlich der gleichnamigen Domaine. Neben der Bezeichnung Clos trägt der Clos de Tart daher noch den Zusatz Monopole, was im Burgund extrem selten ist. Spektakulär ist auch seine Historie: 2017 kaufte François Pinault durch seine Gesellschaft Artémis als nur 4. Besitzer in 900 Jahren die Domaine für den Rekordpreis von 250 Mio. EUR. 650 Jahre davon war Clos de Tart Teil einer Zisterzienserkongregation, das Weingut im Keller des Klosters untergebracht.

Auch bei den Kellermeistern setzte man hier stets auf große Kontinuität. Nach 20-jährigem Wirken erfolgte 2015 der letzte Wechsel von Sylvain Pitiot auf Jacques Devauges, der das Amt des Technischen Direktors übernahm. Doch angesichts der unglaublichen Geschichte dieser mythischen Weinbergslage müssen jahrzehntelange Tätigkeiten fast verblassen. So verstehen sich die Kellermeister auch immer als Wahrer des großartigen Terroirs, allerdings Jahr für Jahr um die bestmögliche Interpretation bemüht. Der Clos de Tart umfasst eine Fläche von 7,53 ha, also 75.300 qm. Sie teilt sich in nicht weniger als 27 verschiedene Parzellen auf, die man in 8 Mikro-Terroirs / Plots zusammengefasst hat. Jedes Mirkro-Terroir wird separat vinifiziert und erst am Ende des Barrique-Ausbaus werden alle Plots zum Clos de Tart vereinigt. Der Clos de Tart ist damit eigentlich auch eine Cuvée, obwohl nur aus einer einzige Traube, Pinot Noir, und einer einzigen Lage produziert.

Parzelleneinteilung für den Clos de Tart 2016
Die Parzelleneinteilung für den Clos de Tart 2016. Die Jungpflanzen in den schraffierten Flächen bleiben dem "La Forge" vorbehalten.

Das Foto zeigt die Parzelleneinteilung des Clos de Tart 2016 mit der Ortschaft am unteren Rand (Osten), der Seite des Bonnes Mares links (Süden) und der Seite des Clos des Lambrays rechts (Norden). Die beiden schraffierten Plots 1 und 3 bleiben dem Zweitwein, dem "La Forge" vorbehalten. Die Rebstöcke aus diesen Bereichen haben das notwendige Alter für den Clos de Tart von 20 Jahren! noch nicht erreicht. Das ist schier unglaublich, denn der La Forge verfügt bereits über eine explosive Nase delikatester Früchte, zeigt am Gaumen eine frische, intensive Frucht und ist so unfassbar saftig und geschliffen. Jacques Devauges erklärt uns hierzu, dass der Grund für diese tolle Performance an dem hohen Anteil der Parzelle 3 liegt, die die 20 Jahre schon fast erreicht hat. Hier trinken wir also fast Clos de Tart Niveau!

Nun aber zu den Plots des Grand Vin. Wir beginnen mit der Parzelle 2, die im untersten Teil des Clos de Tart auf der Seite des Clos des Lambrays liegt. Dieser Bereich ist von roten, sandigen Böden geprägt. Der Wein zeigt sich heller in der Farbe und ist merklich würzig. Er ist weniger Primärfrucht geprägt, man entdeckt aber deutlich Tabak. Am Gaumen ergeben Finesse und Frische ein sehr delikates Double. Wir wechseln auf die Südseite, die an den Bonnes Mares angrenzt. Der Bonnes Mares gehört hier noch zu Morey-Saint-Denis, die Großlage reicht aber bis hinunter nach Chambolle-Musigny. Der Boden ist hier schwerer und mit viel Kies durchsetzt. Im Wein merkt man sofort die Zunahme an Kraft und Gewicht. Der Wein der Parzelle 4 hat eine nur schwach ausgebildete Nase, wirkt fast flach. Am Gaumen aber sehr viel Druck, mehr Frucht und Intensität.

Blick über den Clos de Tart auf Morey-St.-Denis.

Noch weiter oben am Hang liegt die Parzelle 5. Mit der Höhenlage nimmt der Anteil an Mineralien im Boden stark zu, die Erde wird weißer, was auf Muschelkalk hinweist. Der steilere Hang fängt die Sonnenstrahlen besser ein, die Höhenlage ist wärmer und sonnenreicher. Typischerweise kann man die Parzellen oben bis zu 5 Tage früher ernten. Der Wein aus dieser Parzelle kündigt mit seiner kräftigen, aber feinen Fruchtnase einen Wein mit viel Volumen an. Am Gaumen dann aber die Überraschung: ein würziger und fast schlank wirkender Wein mit unglaublich Zug und Fokus straft dem ersten Eindruck Lügen.

Zum Abschluss verkosten wir noch die Parzellen 8 aus den oberen Hanglagen, aber auf der Seite des Clos des Lambrays. Die Böden haben hier weniger Lehmanteil und die Schicht des Oberbodens ist hier sehr dünn. Der Wein besticht durch eine unglaubliche Finesse und Leichtigkeit mit einem Touch salziger Würze und wunderbarer, reiner Frucht mit floralen Noten. Der Wein von hier oben ist so etwas wie die Sopranstimme des Clos de Tart. Schwer zu widerstehen!

Kann der Blend aller Parzellen noch besser sein als die Einzelteile? Jacques Devauges mischt in einem großen Glas die verschiedenen Fässer zusammen und wartet auf unsere Reaktionen. Der gemischte Clos de Tart 2016 funkelt mit leuchtendem Rubinrot im Glas, die Nase ist ganz dezent würzig. Am Gaumen entwickelt er eine Komplexität und Vielschichtigkeit, die keine einzige Probe vorher auch nur annähernd erreicht hätte. Der Wein hat Volumen und Finesse zugleich und einen großartigen, vielschichtigen Abgang.

Wir erleben die Geburt eines ganz großen Clos de Tart Jahrgangs. Die Ernte begann am 28. September und lieferte eine Rekordausbeute von 35 hl/ha. Vom großen April-Frost blieb man verschont und so konnte man nicht nur eine fantastische Qualität, sondern auch eine um 10 hl/ha über dem Durchschnittsertrag liegende Ernte einholen. Es war die größte Ernte seit 1999. Mit dem Titel "grace and elegance" lässt sich das Ergebnis dieses wundervollen Jahrgangs zusammenfassen. Und anders als in anderen Welten gilt hier das Model "sum of the parts bigger than entity" nicht, der Blend ist definitiv viel besser als alle Einzelteile.