Reflexionen zum Weinjahr 2016

13. Januar 2017



Für die Weinwelt war 2016 definitiv ein gutes Jahr ohne große Verwerfungen. Eine krasse Ausnahme war - wieder einmal - im Burgund zu verzeichnen. Ein äußerst seltener Blitzfrost am 27. April vernichtete bis zu 50% der Ernte bei besonders betroffenen Winzern. Doch der Wetterverlauf war zumindest im Rest Europas gemäßigt, in der zweiten Jahreshälfte sehr trocken und lieferte eine gute Ernte - qualitativ und auch quantitativ. Das breite Lächeln der Winzer hatte aber auch einen weiteren Grund: sie konnten in 2016 einen praktisch überall herausragenden Jahrgang 2015 präsentieren. Und auch die Erntemenge stimmte wieder einmal. Nach vier sehr heterogenen und teilweise einfach schwachen Jahrgängen die erhoffte Belohnung für die Mühen der Vorjahre.

  • Der Wein-Jahrgang 2016

    Der Jahrgang 2016 war in Europa durch zwei völlig unterschiedliche Jahreshälften geprägt. Im Frühjahr und Frühsommer ließen große Regenmengen schlimme Befürchtungen aufkommen. Der Vegetationsverlauf war keinesfalls optimal und auch noch verspätet. Mitte Juni dann das Wunder: es wurde schlagartig trocken und schön. Es wurde sogar extrem trocken, was die Rebstöcke nur wegen der prall gefüllten Wasserreservoirs überlebten. Bis in die Ernte hinein blieb es fast perfekt und von der Mosel bis nach Süditalien wurde praktisch ohne Fäulnisgefahr spät geerntet. Die verzögerte Vegetation erwies sich als Glück und einmal nicht als Pech. Es wird spannend, die Weine dieses sehr speziellen Jahrgangs 2016 zu verkosten.

  • Der Wein-Jahrgang 2015

    Prägend für das Jahr war die Präsentation des Jahrgangs 2015, der schon in den Fassproben seine große Klasse bewies. Das Besondere daran ist, dass dies für sehr viele Weinregionen auf der Welt gleichzeitig gilt. Selten zuvor konnte man einen Jahrgang verkosten, der Top-Qualitäten von den nördlichen bis zu den südlichen Appellationen Europas und wichtigen Überseeregionen hervorbrachte. Für die Weine des Jahrgangs 2015 genügt das Jahr auf dem Etikett, die Weinregion und Rebsorte geraten dabei fast in den Hintergrund.

  • Die Preisentwicklung

    Der Markt für Spitzenweine hat sich in 2016 wieder stabilisiert. Gründe hierfür sind u.a. die Qualität des Bordeaux-Jahrgangs 2015, für den die Primeurpreise deutlich angezogen haben. Dann kam das Brexit-Votum mit der Folge einer ausgeprägten Schwäche des britischen Pfunds und damit einer starken Nachfrage nach Bordeaux-Weinen. Zu sehen sind diese Effekte an den Auktionsindices, die gerade zum Jahresende anzogen. Aber auch andere Spitzenweine wurden mit klar höheren Releasepreisen in den Markt gegeben. Die Preisunterschiede zwischen den kleinen und mittleren Qualitäten einerseits und den Spitzenweinen andererseits werden immer größer.

  • Wein-Blogger vs. Wein-Kritiker

    Schon seit einigen Jahren verändert sich die Bedeutung der Weinkritik. Mit dem Durchbruch von Social Media Plattformen steigt die Bedeutung der Wein-Blogger kontinuierlich. Facebook, Twitter und Instagram sind schnell in der Kommunikation und verlangen keine wirklichen Details. Kurze Texte und vor allem Bilder und Videos ersetzen die blumige Sprache und auch die Punkte der Weinkritiker. Die Weinproduzenten springen langsam - vielleicht zu langsam - auf diesen Zug auf. Oft sind die Accounts halbherzig gepflegt. Hier wird noch eine Chance vergeben, an der Weinkritik vorbei direkt mit den Konsumenten in Kontakt zu treten.

  • Wein-Events und Wein-Tourismus

    Wein-Events und Wein-Tourismus sind starke Trends und Produzenten wie Weinregionen reagieren darauf mit erheblichen Investitionen in die entsprechende Infrastruktur. Mit Ausnahme des Burgunds entstehen fast überall architektonisch mehr als bemerkenswerte Keller, Verkostungsräume und ganze Kathedralen des Weins. In vielen Weinregionen werden Hotels neu gebaut oder aufwändig renoviert - zumeist mit hohem Anspruch auch in der Gastronomie. Wein-Tourismus und große Verkostungs-Events sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Die Konsumenten erwarten heute aber hohe Qualität.

  • Alles Bio

    Biologischer Anbau in all seinen Facetten ist Mega-Trend. Gleichzeitig ist Hochtechnologie im Keller ziemlich out, bzw. wird sie behutsamer eingesetzt. Bei den absoluten Spitzenweinen ist "Bio" Voraussetzung und kein Thema mehr. Biodynamisch, gar zertifiziert, wird hingegen meist gemieden - zu gefährlich, da in Extremsituationen auch nicht mehr eingegriffen werden darf.

  • Alles online

    Der Weinhandel war sicher nicht eine der Vorreiter-Branchen für den Online-Handel. Die Transformation hat jedoch an Dynamik zugelegt. Die Konsumenten sind heute perfekt informiert, auch über den niedrigsten Preis - der Wettbewerb ist entsprechend intensiv. Der Weineinkauf über Online-Kanäle hat die 10% Marke am Gesamtumsatz noch nicht erreicht, wächst aber weiter. Diese zunehmende Attraktivität des Online-Handels macht sich insbesondere durch die erwachten Aktivitäten der großen Discounter bemerkbar. Selbst Amazon verstärkt seine Aktivitäten im Bereich "Fine Wine". Story-Telling und curatierte Empfehlungen sind der neueste Trend. Ob der Leser im Internet sich so viel Zeit nehmen wird, um das alles zu lesen?

  • Investoren kaufen nicht mehr Weine, sondern Weingüter

    Der Trend hin zu Investitionen in ganze Weingüter hält unvermindert an. Direkte Folge ist ein rasanter Anstieg der Preise für renommierte Weinbergslagen. In den berühmten Appellationen gehen die Preise schon oft über 1 Mio. Euro pro Hektar. Spitzenreiter ist das Burgund. Einen Hektar Grand Cru Lage würde hier sicher mit bis zu 10 Mio. Euro bewertet, falls es jemals einen Hektar zu kaufen gäbe. Im Piemont wurde mit dem Familiengut Vietti das erste ganz große Weingut an einen amerikanischen Privatinvestor verkauft. Vietti verfügt nicht nur über einen ruhm- und traditionsreichen Namen, sondern auch eine 100 Punkte Bewertung und Paradelagen mit riesigem Prestige. Selbst unbestockte Flächen in der Nähe der großen Lagen erzielen extreme Preise. Und diese Entwicklung hat erst begonnen! Die Appellationen verschärfen mit ihren Erweiterungsstopps der Rebflächen diesen Trend noch.
Ein weiteres, spannendes Weinjahr liegt vor uns. Wenn Sie sich für die neuesten Entwicklungen rund um das Thema "Spitzenweine" interessieren, sind Sie als Leser bei weinrouten immer an der richtigen Stelle.