Weinfachmesse véritable16

10. Juli 2016



Schon zum 6. Mal treffen rund 500 Fachbesucher im Weingut von Philipp Kiefer in St. Martin (Pfalz) auf eine erlesene Auswahl von Spitzenweinen mit Schwerpunkt aus Deutschland, Österreich und Italien. Neben einigen großen Weinimporteuren stellen traditionsgemäß zahlreiche Spitzenwinzer ihre besten Crus persönlich vor. Ganze 90 Weingüter waren in diesem Jahr repräsentiert und die Anzahl der weiteren Anfragen ist lang. Um Abhilfe zu schaffen wurde ein weiterer Innenhof quer über der gesperrten Straße geöffnet. Aber auch das Fachpublikum drängt in großer Zahl in den kleinen Winzerort, ganz in der Nähe von Neustadt an der Weinstraße. Die Besucher drängten sich vor den kleinen Verkostungstischen und waren mit den je sechs Weinen pro Weingut völlig überfordert. In den rund fünf Stunden, die die Messe dauert, ist es ausgeschlossen, sich einen kompletten Überblick über das herausragende Angebot an legendären Tropfen zu verschaffen. Erfahrene Besucher widmen sich also zuerst dem Programmheft und orientieren sich was sie interessiert und wo die Weine in dem verschachtelten Gebäudekomplex zu finden sind.

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Graf Stephan von Neipperg präsentierte seine großen Crus aus St.-Émilion.

Genau genommen beginnt die véritable stets bereits am Sonntag Nachmittag mit dem Vortrag von einem der berühmten Winzergäste. Nach Angelo Gaja und Dirk van der Niepoort berichtete in diesem Jahr Graf Stephan von Neipperg über seine 30-jährige Erfolgsgeschichte mit seinen Weingütern in und um St.-Emilion. Die beiden berühmtesten aus seinem Portfolio sind ohne Zweifel La Mondotte und Canon La Gaffelière. Der Comte stammt aus Baden-Württemberg und übernahm in den 1980er Jahren die väterlichen Weingüter in St.-Emilion. Mit Fleiß, Konsequenz, Fokus auf nachhaltige Bewirtschaftung und einer markanten Brise von Unabhängigkeit in seiner Meinung schaffte er es, sowohl die Klassifizierung seiner Top-Güter als "Cru Classé" als auch die Anerkennung der internationalen Weinwelt zu erlangen. Während der véritable präsentierte er charmant und humorvoll über viele Stunden geduldig seine großen Bordeaux-Weine und schenkte zahllose Flaschen bis hin zum nicht gerade billigen La Mondotte einer nicht enden wollenden Schlange an Wein-Enthusiasten aus.

Der über die Kreise der Weinliebhaber hinaus sicher bekannteste Teilnehmer der véritable war Günther Jauch, der gemeinsam mit seiner Frau Thea im "Alten Kelterhaus" ebenfalls über Stunden hinweg Übermenschliches leistete. Der Andrang an seinem kleinen Stand des Weinguts von Othegraven, das er vor genau sechs Jahren gekauft und damit in die Familie zurückgeführt hatte, war enorm. Die Hitze und die nach kurzer Zeit komplett verbrauchte Luft in diesem Raum, ebenfalls. Chapeau für dieses vorbildliche Engagement, zudem verbunden mit den zahlreichen Interview-Wünschen, die, soweit möglich, alle erfüllt wurden.

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Nicht nur die Blicke, auch die Mikrofone waren auf Günther Jauch gerichtet. Was kann dem großartigen Wein aus Deutschland besseres passieren?

Eigentlich ungerecht, dass die zahllosen anderen Winzerpersönlichkeiten durch diese Fokussierung etwas untergingen. Die Liste ist derart beeindruckend, dass sich selbst berühmte Winzer immer wieder wunderten, wie es Uwe Warnecke gelungen ist, eine so hochkarätig besetzte Messe zu organisieren. Erstmals auf der véritable vertreten waren Elio Altare, der bislang immer von seiner Tochter Elena vertreten wurde, und Elisabetta Geppetti von der Fattoria Le Pupille. Beide äußerten sich sehr positiv über die véritable und konnten die Leistungsdichte der Messe kaum fassen. Selbst vor Ort war auch Barbara Widmer aus dem Chianti, die Ihre tolle und weithin bekannte Weinpalette ihres Gutes Brancaia präsentierte. Aus Deutschland und Österreich war eine beeindruckende Anzahl von Top-Winzern persönlich zum Ausschenken gekommen, die alle aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde.

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Barbara Widmer von Brancaia mit Ihrem Ilatraia, einer modernen Interpretation französischer und italienischer Rebsorten aus der Maremma

Nehmen wir also unser Zalto Weinglas und streifen etwas durch die véritable. Gleich am Eingang liegt linker Hand der Gewölbekeller, der quasi komplett mit Weißwein "bestockt" ist. Egon Müller, der gastgebende Aloisiushof, Dönnhof und Trimbach sind nur einige der illustren Namen hier. Wir steuern schweren Herzens direkt die Domaine Trimbach aus dem Elsaß an. Es ist eine der sehr seltenen Möglichkeiten, die berühmten Rieslinge dieses Produzenten zu verkosten, einschließlich dem sicherlich renommiertesten Wein des Elsaß: dem Clos Ste Hune. Die Einzellage ist nur 1,34 ha groß und ergibt maximal 8.000 Flaschen Riesling. Angeblich gelangen davon nur 300 Flaschen nach Deutschland (zuzüglich 6 Flaschen für die véritable). Auf eine Grand Cru Kennzeichnung kann das Haus Trimbach verzichten, der Clos Ste. Hune ist berühmt genug, um für sich selbst zu stehen. Präsentiert wurde der Jahrgang 2008, ein kühles Jahr mit riesigem Potenzial und heute noch etwas verschlossen. Die Dichte und Kraft dieser ölartigen Flüssigkeit sind sensationell. 2019 kann das 100. Jahr der Einzellagenabfüllung gefeiert werden.

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Riesling-Power aus dem Elsaß: Clos Ste. Hune der Domaine Trimbach.

Im Alten Kelterhaus nebenan dann ein gemischtes Doppel: große Rot- und Weißweine nebeneinander. Von Othegraven (Günther Jauch) direkt neben J.J. Prüm, das ist eine Ansage. Weitere österreichische und auch deutsche Spitzen-Winzer wie auf einer Perlschnur aufgereiht: F.X. Pichler, Franz Hirtzberger, Prieler, Fritz Haag, Emrich-Schönleber und andere. Gleich vorne Großimporteur Schlumberger mit den Weinen von Drouhin, Champagne Roederer und Ornellaia. Tief rot-violett funkelt der Ornellaia 2013 im Glas, ein sensationeller Wein mit wunderbarer würzig-scharfer und gleichzeitig fruchtsüßer Aromatik. Endlos lang und unglaublich elegant. Der Italien-Jahrgang 2013 war naturgemäß stark vertreten. Ein wunderbar aromatischer Jahrgang, der weithin erheblich unterschätzt wird. Der Ornellaia zeigte schon einmal, wohin die Reise geht, gefolgt von dem ebenfalls grandiosen Sassicaia.

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Für uns der beste Rotwein des Tages: Ornellaia 2013.

Im Nebenraum, früher wohl mal ein Pferdestall, dann weiter große Italiener. Giacomo Bologna wie immer mit einer Doppelmagnum des berühmten Bricco dell`Uccellone. Leider der Jahrgang 2014 und deutlich schwierig. Erklärungsversuch: wir haben sehr streng selektiert. Hm, wir erinnern uns an letztes Jahr und den großartigen 2013er. Große 2013er gab es dafür am Stand des Großimporteurs ALPINA. Weinchef Markus Geigle hat mit sicherer Hand wie immer eine Hammerauswahl an Weinen mitgenommen. Sassicaia 2013, Sassicaia 1991 aus der Magnum ("um zu zeigen, was ein gereifter Sassicaia aus einem kleinen Jahrgang kann"), Gaja Barbaresco 2013 - erstmals der Öffentlichkeit präsentiert -, Gaja Barbaresco 2000 und Gaja Camarcanda 2011 und 2012. Ein Wein besser als der andere und wo bitte kann man so große, gereifte Weine verkosten? Große Trauben an Menschen folglich bei Alpina. Als Zugabe präsentierte Marchese Piero Incisa persönlich seine Pinots der Bodega Chacra aus Argentinien. So eine weite Reise für die véritable, unglaublich.

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ALPINA Wein mit einer Magnum Sassicaia 1991.

Draußen, im Hof, wartete schon Graf Stephan von Neipperg, um der langen Schlange an Gästen seine Weinpalette aus St.-Emilion zu präsentieren. Vom kleinen Clos Marsalette Rouge bis zum großen Kultwein La Mondotte mit nur 4 ha Rebfläche wurden alle Weine ausgeschenkt. Der La Mondotte 2006 zeigte, welche Dichte und Aromenkonzentration hier geht, ein feiner, aristokratischer Bordeaux mit toller Frucht und schöner Finesse. Im Boulevard-Hof dann die CWD-/HAWESKO Gruppe mit zahlreichen tollen Weinen. Gleich oben ein Stand von Pol Roger mit dem famosen 2006er Rosé und dem 2008er BdB. Den White Foil gab es aus der 6l-Flasche! Der extra aus Épernay angereiste Mitarbeiter von Pol Roger agierte mit größter Sachkunde und hatte reichlich Freude an einer intensiven Diskussion über die großen Champagner des Hauses. Er verriet uns auch die kommenden SWC-Jahrgänge: 2006, 2008, 2009, 2012 und 2015. Wir sparen schon mal auf den 2008er! Um mal zu zeigen was Pol Roger kann, öffnete er, obwohl die véritable fast beendet war, noch eine frische 3l White Foil. Nur, um im Quervergleich den Effekt der 6l-Flasche zu demonstrieren. Beide Champagner hätten kaum unterschiedlicher sein können. Der aus der 6l-Flasche zeigte deutlichere Brioche-Noten, mehr Dichte, Tiefe und Struktur. Beim Champagner ist die Flasche eben das "Reaktionsgefäß" und damit ist die Größe noch wichtiger als beim Wein.

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Pol Roger White Foil aus der Großflasche.

In der Wein- und Champagner-Bar warteten Theresa Breuer, Elisabetta Geppinni und auch Elio Altare, alle bei bester Laune. Elio fühlte sich in diesem eng gedrängten, sehr weinkundigen Publikum sichtlich wohl und kannte wohl zahlreiche Gäste. Tochter Elena kam mit dem Ausschenken der tollen Weine vom Larigi über den La Villa bis hin zu den Baroli und Lagenbaroli kaum nach. Die Plätze vor dem Tisch hätte man besser verlosen sollen, die Wartezeit war beträchtlich. Das lag nicht nur an den Weinen, sondern auch an den intensiven Gesprächen zwischen Elena Altare und den Gästen.

Entspannung gab es dann erstmals am Espresso-Stand von Illy-Café. Und direkt daneben die tollen Champagner-Kerzen von Design Bubbles, die in diesem Jahr auch erstmals angeboten wurden.

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Nicht nur die Weine fanden viel Beachtung, auch die Champagner-Kerzen von Design Bubbles.

Bislang mit Abstand die beste véritable bei schönsten Pfälzer Sonnenschein. Tolle Weine, ein tolles Rahmenangebot rund um den Wein und unfassbar viele, fröhliche Weinfreunde, die sich mit dem Winzern mühelos vermischt haben.